Zum Hauptinhalt springen Anleitung zur Tastaturbedienung ansehen

Unverlinkt

Podcast Kompetent Barrierefrei: Transkript für Folge 2

In der aktuellen Folge steht die Persona Hannah im Mittelpunkt, die mit einer Hörbeeinträchtigung studiert. Gemeinsam sprechen wir über typische Barrieren im Hochschulalltag, die Bedeutung von Untertiteln und Hörhilfen sowie darüber, wie Lehrende ihre Veranstaltungen zugänglicher gestalten können.
Wer die Folge lieber anhören möchte: Folge #2 auf Spotify (öffnet neues Fenster).

Transkript

Leandra:  Willkommen beim Podcast des Kompetenzzentrums für digitale Barrierefreiheit. Hier sprechen wir über das, was Hochschulen wirklich inklusiv macht. In jeder Folge nehmen wir euch mit in den Alltag verschiedener Personas. Wie erleben Studierende mit visuellen Einschränkungen, Seminare, welche Herausforderungen haben Menschen mit LRS, ADHS oder Hörbeeinträchtigungen und was könnten Lehrende, Hochschulen und wir alle tun, um digitale Bildung zugänglich zu gestalten. Hier gilt: Barrieren abbauen beginnt mit Zuhören. Gast ist Patricia.

Leandra:  Hallo Patricia, schön, dass du heute da bist.

Patricia:  Hallo Leandra, schön, dass ich da sein darf.

Leandra:  Vielleicht kannst du dich erstmal für die Hörerinnen und Hörer, die dich noch nicht kennen, vorstellen. Wer bist du denn überhaupt?

Patricia:  Na klar, genau. Mein Name ist Patricia Piskorek. Ich arbeite inzwischen seit knapp fünf Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kompetenzzentrum für digitale Barrierefreiheit an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Und ich habe die Plattform BlindDate mitentwickelt, von der die Personas stammen, über die wir in diesen Podcasts sprechen.

Leandra:  Genau, und eine dieser Personas hast du uns ja auch heute mitgebracht, und zwar die Hannah. Vielleicht magst du kurz erzählen, wer Hannah ist und wie ihr Studienalltag aussieht.

Patricia:  Super gerne. Also, Hannah ist 25 Jahre alt und studiert Mathematik auf Lehramt in Dortmund. Auf BlindDate repräsentiert Hannah die Studierenden mit Hörbeeinträchtigung. Sie selbst ist von Geburt an hörbehindert auf beiden Ohren. Deswegen trägt sie links ein Hörgerät und rechts ein Cochlea-Implantat. An der Uni nutzt Hannah die Lautsprache, aber sie beherrscht auch die deutsche Gebärdensprache. Viele Menschen gehen jetzt davon aus, dass Hörgeräte oder eben Cochlea-Implantate eine Hörbehinderung vollständig ausgleichen.

Leandra:  Warum stimmt das nicht und wie erlebt Hannah damit dann den Alltag?

Patricia:  Das ist wirklich eine sehr wichtige Frage zum Einstieg. Denn wenn wir davon ausgehen könnten, dass Hannah dank ihrer Hörhilfen jetzt genauso gut hört wie andere, dann müssten wir ja gar nicht mehr darüber sprechen, auf welche Barrieren sie stößt und so weiter. Also, für Hannah ist es so: Manche Geräusche nimmt sie viel leiser oder später wahr. Das kann sowas sein wie Vogelzwitschern, aber eben auch zum Beispiel Autos, die sich ihr nähern. Andere Geräusche nimmt Hannah ungewollt laut wahr. Das macht es für sie schwierig, selektiv zu hören, also zum Beispiel andere Stimmen auszublenden, wenn sie sich mit einer Person gerade unterhält. Und ein Störschall schwingt auch oft bei allem, was sie hört, mit.

Leandra:  Hannah nutzt ja auch zum Kommunizieren eben nun sowohl die Lautsprache als auch die deutsche Gebärdensprache. Warum ist es jetzt auch wichtig, nicht davon auszugehen, dass alle Menschen mit Hörbehinderung auf die gleiche Art und Weise kommunizieren?

Patricia:  Vorweg finde ich es wichtig klarzustellen: ein häufiges Missverständnis. Die deutsche Gebärdensprache ist eine vollwertige Sprache. Das hat gar nichts damit gemeinsam, wie man zum Beispiel beim Bäcker im Ausland im Urlaub versucht, sich irgendwie mit Händen und Füßen zu verständigen. Man kann mit der deutschen Gebärdensprache komplexe Sachverhalte genauso gut darstellen wie mit der deutschen Lautsprache. Die deutsche Gebärdensprache kann für Menschen, die sie von Geburt an lernen, die Muttersprache sein. Innerhalb der DGS-Community gibt es da auch ein echt starkes Gemeinschaftsgefühl. Aber es gibt auch Menschen mit Hörbehinderung, die sie gar nicht beherrschen. Da gibt es verschiedene Gründe, zum Beispiel, dass diese Menschen in hörende Familien hineingeboren wurden, in denen sonst niemand gebärden kann. Die Gebärdensprache wurde lange auch gar nicht als Sprache anerkannt. Das haben vielleicht manche auch noch im Kopf. Mein Punkt ist: Wenn man einer Person mit Hörbehinderung begegnet, kann man doch gar nicht wissen, welche Sprachen sie überhaupt beherrscht oder vielleicht auch, welche sie präferiert.

Leandra:  Und wenn wir jetzt zurück in den Hochschulkontext kommen und Hannah in einer Vorlesung sitzt, welche Situationen machen es ihr dort besonders schwer, den Inhalten zu folgen?

Patricia:  Da Hannah akustisch nicht alles verstehen kann, braucht sie sozusagen Zusatzinformationen, um sich zu erschließen, was gerade gesagt wird. Dazu schaut sie zum Beispiel auf den Mund und die Lippen der sprechenden Person. Wenn die Lehrperson aber zu weit weg ist oder sich beim Sprechen wegdreht, zum Beispiel während sie etwas an die Tafel schreibt, dann geht das nicht mehr. Dann kann Hannah vielleicht noch in den Vorlesungsfolien nachgucken, ob da die Fachwörter drinstehen, die sie nicht verstanden hat. Aber wenn die Folien nicht vollständig sind oder den Studierenden gar nicht bereitgestellt wurden, dann kommt sie da auch nicht weiter. Letztendlich ist es für Hannah nicht nur nervig, ständig solche Ausfälle im Verständnis zu haben, sondern so eine Vorlesung ist auch total anstrengend für sie, weil sie die ganze Zeit hoch konzentriert sein muss, um möglichst alles mitzukriegen.

Leandra:  Jetzt besteht ja eine Vorlesung immer aus zwei Seiten, aus einer lehrenden Person und eben auch aus den Studierenden. Aber was können eigentlich Lehrende tun, damit Hannah der Veranstaltung besser folgen kann? Vielleicht sowohl durch ihr eigenes Verhalten als auch durch technische Unterstützung.

Patricia:  Ich habe ja eben schon angesprochen, wie wichtig das Mundbild für Hannah ist. Und da ist die naheliegendste Lösung für Lehrende natürlich, immer möglichst gut sichtbar zu sprechen, also sich nicht wegzudrehen und so weiter. Dazu gehört es zum Beispiel auch, gute Lichtverhältnisse zu schaffen, damit Hannah das Mundbild besser erkennen kann. Wenn ein Mikrofon zur Verfügung steht oder noch besser eine Höranlage, dann sollten diese Optionen natürlich gerne genutzt werden. Bei einer Höranlage wird das Gesprochene dann nicht für alle verstärkt, sondern von dem Mikrofon, in das die Lehrperson spricht, direkt an Hannas Hörhilfen gesendet. Das ist das Besondere daran. Wenn die Person mit der Hörbehinderung die deutsche Gebärdensprache präferiert, kann man natürlich auch Gebärdensprachdolmetschende für eine Veranstaltung buchen. Das funktioniert sowohl in Online- als auch in Präsenzveranstaltungen. Aber um die Organisation muss man sich unbedingt früh genug kümmern.

Leandra:  Genau, es gibt ja schon viele digitale Lösungen. Du hast ja auch gerade ein paar angesprochen. Es gibt aber auch mittlerweile im Hochschulalltag immer mehr digitale Lernmaterialien. Worauf sollten dann Hochschulen bei Videos zum Beispiel oder Vorlesungsaufzeichnungen auch achten, damit diese auch wirklich zugänglich sind für alle?

Patricia:  Bei Videos sind natürlich Untertitel essentiell für Hannah. Und diese Untertitel sollten nicht nur vorhanden, sondern auch korrekt sein. Mittlerweile gibt es ja echt viele Optionen, um Untertitel automatisch durch eine KI generieren zu lassen, aber die haben oft noch viele Fehler und sind dann wirklich nicht besonders verständlich. Bei den Untertiteln ist außerdem wichtig, dass sie nicht nur das Gesprochene wiedergeben. Sie sollten auch klarmachen, wer gerade spricht, indem zum Beispiel der Name der sprechenden Person jeweils davor steht. Und wenn irgendwelche Hintergrundgeräusche in einem Video wichtig für das Verständnis sind, sollten die auch in den Untertiteln erwähnt werden. Ich würde sagen, die Faustregel ist: Alles, was in den Lernmaterialien irgendwie als auditive Information vorliegt, sollte eben auch noch in einer anderen Form verfügbar sein.

Leandra:  Genau, das alles, was wir jetzt eben besprochen haben, ist ja eigentlich Voraussetzung, dass Hannah lernen kann, auch für eine Prüfung zum Beispiel. Aber wenn es jetzt um eine Prüfung geht, welche Anpassungen können dann in Prüfungssituationen auch ihr helfen?

Patricia:  Im Grunde sind das schon ähnliche Aspekte wie bei anderen Lehrveranstaltungen. Allem voran gilt natürlich auch hier: Wenn irgendwelche Informationen in akustischer Form vorliegen, und sei es nur eine Erläuterung zum Prüfungsablauf zu Beginn, dann müssen diese für Hannah auch noch in einer anderen Form vorliegen. Über einen ruhigen Raum freuen sich natürlich nicht nur Studierende mit Hörbehinderung, sondern auch alle anderen. Also sollte man zum Beispiel die Fenster schließen, um Störgeräusche von draußen zu vermeiden. Studierende mit Hörbehinderung können einen Nachteilsausgleich beantragen und bekommen dann zum Beispiel eine Zeitzugabe in Prüfungen. Das klingt jetzt für eine schriftliche Prüfung vielleicht erst mal unnötig. Aber wenn jemand zum Beispiel deutsche Gebärdensprache als Muttersprache hat, ist das Lesen und Formulieren in deutscher Schriftsprache viel schwieriger für die Person. Und allgemein das ständige Herausfiltern von Störgeräuschen beim ganz normalen Hören ist auch einfach ermüdend.

Leandra:  Wir kommen schon zum Abschluss unserer heutigen Folge. Und wenn du jetzt einen Tipp an Lehrende oder Zuhörende geben könntest, was würdest du sagen?

Patricia:  Puh, ich will mich jetzt nicht auf eine Empfehlung festlegen von allem, was wir gerade gehört haben. So wie: Zeigt unbedingt immer euer Mundbild oder fügt unbedingt immer Untertitel zu Videos hinzu. Denn die sind natürlich alle wichtig. Aber ich glaube, man kann sie sogar zusammenfassen. Und zwar unter dem Appell: Kommuniziert aufmerksam. Und was für die Teilhabe von Studierenden mit jeglichen Beeinträchtigungen gilt, gilt natürlich auch hier. Also versucht, mögliche Barrieren früh vorherzusehen und zu verhindern, und nehmt Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse eurer Studierenden.

Leandra:  Vielen lieben Dank dir für die guten Abschlussworte und auch für deine Zeit heute. Wir sind schon am Ende unserer Podcast-Folge. Danke, dass du da warst.

Patricia:  Danke, dass ich da sein durfte. Hat viel Spaß gemacht.

Leandra:  Genau, mir auch. Und allen Zuhörerinnen und Zuhörern, die jetzt noch mehr über das BlindDate oder SHUFFLE erfahren möchten: Denjenigen werde ich auf jeden Fall in unserer Podcast-Beschreibung BlindDate verlinken und auch den Link zum SHUFFLE-Projekt. Und es werden auch noch weitere spannende Podcast-Folgen hier erscheinen. Also bleibt gespannt.


Informationen zu diesem Artikel

Veröffentlicht am
31. August 2026
Schlagwörter
keine
Autor
Leandra Kraft
Kontakt