Transkript
Leandra:Willkommen beim Podcast des Kompetenzzentrums für digitale Barrierefreiheit.
Hier sprechen wir über das, was Hochschulen wirklich inklusiv macht – über Barrieren, die oft übersehen werden, und über Lösungen, die Studierenden das Lernen erleichtern.
In jeder Folge nehmen wir euch mit in den Alltag verschiedener Personas. Wie erleben Studierende mit visuellen Einschränkungen Seminare? Welche Herausforderungen haben Menschen mit LRS, ADHS oder einer Hörbeeinträchtigung? Und was können Lehrende, Hochschulen und wir alle tun, um digitale Bildung zugänglich zu gestalten?
Hier gilt: Barrieren abbauen beginnt mit Zuhören. Schön, dass ihr heute eingeschaltet habt.
Heute sprechen wir über Studierende mit unsichtbaren Beeinträchtigungen – genauer gesagt über Oliver, eine Persona aus dem Projekt SHUFFLE. Mein heutiger Gast ist Patricia, die im SHUFFLE-Projekt an barrierefreien Lösungen für Hochschulen mitarbeitet.
Hallo Patricia, schön, dass du heute da bist!
Patricia:Danke, dass ich heute da sein darf.
Leandra:Bevor wir über Oliver sprechen: Magst du uns erzählen, wer Oliver ist und welche Herausforderungen ihn im Studium begleiten?
Patricia:Sehr gerne. Oliver ist unsere neueste und gleichzeitig letzte Persona auf BlindDate. Er ist 31 Jahre alt, studiert Lebensmittelchemie im Master, macht gerne Musik und kocht in seiner Freizeit. Auf BlindDate repräsentiert er Studierende mit Teilleistungsstörungen. Konkret lebt Oliver mit einer Lese-Rechtschreibstörung, kurz LRS, und ADHS – einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.
Leandra:ADHS begegnet einem inzwischen immer häufiger. Ich persönlich kenne mich damit allerdings nicht besonders gut aus. Deshalb würde mich interessieren: Wie äußern sich LRS und ADHS konkret – und welche Auswirkungen haben sie im Hochschulalltag?
Patricia:Durch die LRS hat Oliver Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Er liest deutlich langsamer als andere Studierende, weil es ihm schwerfällt, geschriebene Texte schnell zu erfassen. Auch Rechtschreibung und Zeichensetzung fallen ihm schwer. Er beschreibt das selbst so, als würde er jedes Wort immer wieder zum ersten Mal lesen oder schreiben. Im Studium wird das vor allem in schriftlichen Prüfungen zum Problem. Wenn wenig Zeit zur Verfügung steht und zusätzlich die Rechtschreibung bewertet wird, kann Oliver fachlich hervorragend vorbereitet sein – seine Note fällt trotzdem schlechter aus.
Die ADHS sorgt außerdem dafür, dass es Oliver schwerfällt, sich über längere Zeit zu konzentrieren. Gerade in Vorlesungen lässt er sich schnell von seiner Umgebung ablenken, obwohl er eigentlich aufmerksam zuhören möchte. Deshalb muss er anschließend viel Zeit investieren, um die Inhalte selbstständig nachzuarbeiten.
Leandra:Das klingt nach einem enormen zusätzlichen Aufwand. Gleichzeitig leben wir inzwischen in einer Zeit, in der es viele digitale Hilfsmittel gibt. Welche Technologien unterstützen Oliver im Studienalltag?
Patricia:Zum Glück gibt es heute viele Möglichkeiten. Oliver lässt sich Texte häufig von einer Software vorlesen, anstatt sie selbst zu lesen. Außerdem nutzt er eine Diktiersoftware, die seine gesprochene Sprache direkt in geschriebenen Text umwandelt. Auch beim Zeitmanagement bekommt er Unterstützung. Eine App erinnert ihn nicht nur an Termine und Aufgaben, sondern blockiert während seiner Lernzeiten auch ablenkende Apps wie soziale Medien. So kann er sich besser auf das Lernen konzentrieren.
Leandra:Das klingt wirklich sinnvoll – gerade Vorlese- und Diktierfunktionen können sicher viel Zeit sparen.
Wenn wir jetzt auf die Lehrenden schauen: Was können sie konkret tun, damit Studierende wie Oliver ihren Lehrveranstaltungen besser folgen können?
Patricia:Ein wichtiger Punkt sind barrierefreie Lehrmaterialien. Oliver hört sich Texte lieber an, als sie selbst zu lesen. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Dokumente maschinenlesbar sind. Werden zum Beispiel Buchseiten einfach eingescannt, entstehen Bilddateien, die Vorleseprogramme nicht verarbeiten können.
Außerdem helfen Oliver aufgezeichnete Lehrveranstaltungen sehr. Wenn seine Gedanken während einer Vorlesung einmal abschweifen oder er wegen der LRS nicht schnell genug mitschreiben kann, kann er sich die Inhalte später noch einmal in seinem eigenen Tempo ansehen.Natürlich helfen auch klare Strukturen und ausreichend Pausen bereits während der Lehrveranstaltung.
Leandra:Das sind Maßnahmen, die letztlich vielen Studierenden zugutekommen.
Spätestens in Prüfungen wird es allerdings ernst. Welche Anpassungen können dort hilfreich sein?
Patricia:Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Eine verlängerte Bearbeitungszeit kann beispielsweise sehr entlastend sein. Hilfreich kann auch ein separater Prüfungsraum sein. Dort gibt es weniger Ablenkung durch Geräusche oder Bewegungen anderer Studierender. Wenn Prüfungen am Computer stattfinden, ist außerdem eine Rechtschreibprüfung sinnvoll. So kann Oliver seine Aufmerksamkeit auf den fachlichen Inhalt richten und muss sich nicht gleichzeitig um Rechtschreibung und Zeichensetzung sorgen.
Leandra:Zum Abschluss noch eine Frage: Was würdest du Lehrenden mitgeben, die Barrieren abbauen möchten, aber noch nicht genau wissen, wie sie anfangen sollen?
Patricia:Ich würde sagen: Habt keine Angst. Barrierefreiheit wirkt oft wie ein riesiges Thema, für das man unendlich viel Zeit oder Fachwissen braucht. Aber schon das Interesse an diesem Thema ist ein wichtiger erster Schritt. Wer sich mit Ressourcen wie BlindDate beschäftigt oder diesen Podcast hört, schafft bereits Bewusstsein dafür, warum Barrierefreiheit wichtig ist und wem sie hilft. Außerdem haben uns viele Studierende in den Interviews gesagt, dass sie gar nicht erwarten, dass Lehrende sofort alles perfekt machen. Viel wichtiger ist ihnen, dass Lehrende offen sind, zuhören und bereit sind, dazuzulernen.
Kleine Schritte sind besser als gar keine. Und viele Maßnahmen lassen sich mit wenig Aufwand umsetzen – können für Studierende aber einen großen Unterschied machen.Leandra:Ein schöneres Schlusswort hätte ich mir kaum wünschen können. Kleine Schritte sind besser als gar keine Schritte – ich glaube, das können wir alle mitnehmen.
Wenn ihr mehr über Oliver und die weiteren Personas erfahren möchtet, schaut gerne auf barrierefreies-blinddate.de vorbei. Auf dem YouTube-Kanal des Kompetenzzentrums für digitale Barrierefreiheit findet ihr außerdem weitere Videos und Informationen rund um digitale Barrierefreiheit in der Hochschullehre. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge!