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Podcast Kompetent Barrierefrei: Transkript für Folge 4

In dieser Folge lernen wir die Persona Sasha kennen, der Neurowissenschaften studiert und im Autismus-Spektrum lebt. Wir sprechen darüber, wie Reizüberflutung, soziale Situationen und fehlende Strukturen seinen Studienalltag beeinflussen und welche Strategien ihm dabei helfen. Außerdem geht es darum, wie Lehrende ihre Veranstaltungen mit einfachen Maßnahmen zugänglicher gestalten können – von reizärmeren Lernumgebungen und klaren Aufgabenstellungen bis hin zu frühzeitig bereitgestellten Vorlesungsfolien.
Wer die Folge lieber anhören möchte: Folge #4 auf Spotify (öffnet neues Fenster).

Transkript

Leandra: Willkommen beim Podcast des Kompetenzzentrums für digitale Barrierefreiheit. Hier sprechen wir über das, was Hochschulen wirklich inklusiv macht. In jeder Folge nehmen wir euch mit in den Alltag verschiedener Personas. Wie erleben Studierende mit visuellen Einschränkungen in Seminaren. Welche Herausforderungen haben Menschen mit LRS, ADHS oder Hörbeeinträchtigungen? Und was könnten Lehrende, Hochschulen und wir alle tun, um digitale Bildung zugänglich zu gestalten? Hier gilt: Barrieren abbauen beginnt mit Zuhören.

In der heutigen Folge von „Kompetent barrierefrei“ sprechen wir über die Persona Alexander, der lieber Sasha genannt wird. Die Persona Alexander stammt von BlindDate aus dem Projekt SHUFFLE. Heute haben wir mal wieder die liebe Patricia zu Gast. Hallo Patricia.

Patricia: Hallo Leandra. Danke, dass du heute da bist und uns den Sasha mitgebracht hast.

Leandra: Sehr gerne. Kannst du vielleicht kurz erzählen, wer Sasha ist und wie sein Studienalltag aussieht?

Patricia: Na klar. Sasha ist 23 Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in der Nähe von Frankfurt. Er studiert dort Neurowissenschaften, weil er das menschliche Gehirn, also die elektrischen Signale, die dann zu Handlungen werden und so etwas, einfach total spannend findet.

Leandra: Kann ich verstehen. Er macht sehr gerne Sport, vor allem Kraftsport. Und er spielt liebend gerne strategische Brettspiele, wie zum Beispiel „Die Legenden von Andor“.

Auf BlindDate repräsentiert Sasha die Studierenden auf dem Autismus-Spektrum. Sasha beschreibt eben, dass auch in sozialen Situationen viele Menschen oder große Gebäude schnell erschöpfen können. Was bedeutet das konkret, mit Autismus zu studieren und eben auch zu leben?

Patricia: Viele Menschen, große Gebäude – das sind natürlich leider alles Aspekte, auf die man im Studium ziemlich häufig trifft. Also grundsätzlich kann man sagen, dass Menschen auf dem Autismus-Spektrum ihre Umwelt anders wahrnehmen als neurotypische Menschen. Das bereitet ihnen dann unter anderem Probleme damit, sich im Studium zu organisieren und das soziale Miteinander im Studienalltag zu meistern. Unsere Welt ist einfach für neurotypische Menschen gestaltet.

Und das betrifft auch den typischen Uni-Campus. Sasha schildert, dass er dort eigentlich permanent aufgeregt und gestresst ist. Nach einem Tag an der Uni ist er dementsprechend völlig K. o. Sasha erzählt auch, dass Geräusche, Menschen und Umgebungen schnell zu viel werden für ihn.

Leandra: Wie erlebt er denn solche Situationen und welche Strategien helfen ihm dabei, damit umzugehen?

Patricia: Genau, Menschen auf dem Autismus-Spektrum haben eine andere Reizverarbeitung. Die Gehirne neurotypischer Menschen filtern ständig Umgebungsreize aus, ohne dass man sich dessen überhaupt bewusst ist. Die Gehirne von Menschen mit Autismus tun das eben nicht.

Für Sasha ist die Welt ständig laut, grell und einfach intensiv. Deshalb können Reize wie Lichter, Gerüche, Geräusche oder auch Berührungen bei ihm zu einer Überstimulation, also einer Reizüberflutung, führen.

Leandra: Und wie kann er so einer Reizüberflutung vielleicht auch vorbeugen?

Patricia: Sasha trägt gerne Kopfhörer. Er hört damit aber keine Musik, sondern er nutzt das Noise-Cancelling, um seine Umgebung so gut wie möglich auszublenden. Ansonsten können selbststimulierende Verhaltensweisen helfen, die seinen Fokus sozusagen von der Umgebung weg und wieder ganz auf ihn selbst richten. Zum Beispiel das Hantieren mit sogenannten Fidget Toys, also so etwas wie kleine Würfel mit Schaltern und Tasten oder andere Spielzeuge, die man in den Händen drückt, dreht oder knetet.

Stimming ist im Kontext von Selbststimulation auch ein bekannter Begriff. Das beschreibt die bewusste Wiederholung von Bewegungen oder Lauten. Das kann von Person zu Person ganz unterschiedlich aussehen.

Bei Sasha ist es zum Beispiel so, dass er sich, wenn er „stimmt“, mit den Fingern auf seinen eigenen Händen herumklopft.

Leandra: Wenn man das alles so hört, dann denkt man eigentlich, für Menschen wie Sasha müsste ein Fernstudium wie geschaffen sein. Er hat das aber ausprobiert, bevor er dann an die Universität gewechselt ist. Und genau, die Selbstorganisation war einfach ein Problem für ihn. Und warum war gerade das die Herausforderung?

Patricia: Ja, ich gebe dir völlig recht. Aus genau den Gründen, die wir eben genannt haben, also Probleme mit sozialen Interaktionen, mit dem großen Campus und so etwas, könnte man eigentlich denken, dass ein Fernstudium besser für Sasha sei. Und das dachte er offensichtlich auch, als er es angefangen hat. Aber wie du schon sagtest, war die Selbstorganisation das Problem dabei.

In der Schulzeit haben die meisten Menschen ja einen sehr geregelten Alltag, der ihnen durch den Stundenplan, die AGs und so weiter vorgegeben wird. Der unstrukturierte Alltag im Studium, wo man sich zum Beispiel selbst erst einmal überhaupt den Stundenplan zusammenstellen muss, wo man an viele Termine denken muss und so weiter, ist da das komplette Gegenteil. Und damit kam er nicht klar.

Leandra: Und wenn du jetzt sagst, dass er viel vergisst und ihm eben auch soziale Situationen oft schwerfallen, dann kann es natürlich passieren, dass Sasha auch mal unhöflich wirkt. Vor allem, wenn es ihm schwerfällt, Augenkontakt zu halten. Warum entstehen denn bei solchen Situationen auch dann häufig Missverständnisse? Dass es höflich ist, im Gespräch Augenkontakt zu halten, das ist doch irgendwie wie ein ungeschriebenes Gesetz, oder?

Patricia: Das steht in keinem Lehrbuch mit dem Titel „Soziale Interaktionen meistern“, das alle Menschen in der ersten Klasse lesen müssen oder so. Wenn neurotypische Menschen heranwachsen, lernen sie solche Dinge intuitiv.

Leandra: Und wie ist das bei Sasha?

Patricia: Für Sasha ist nonverbale Kommunikation überhaupt nicht natürlich. Auch Gestik und vor allem Mimik kann er überhaupt nicht interpretieren. Er muss soziale Interaktionen regelrecht auswendig lernen und dann in der jeweiligen Situation im echten Leben abrufen.

Leandra: Wie so ein Schauspieler, der neurotypisches Verhalten nachspielt, um normal zu wirken und nicht aufzufallen.

Patricia: Das nennt man Masking, also sich maskieren. Eigentlich findet Sasha es zum Beispiel total unangenehm, Augenkontakt zu halten. Aber seine Gesprächspartner denken vielleicht, dass er desinteressiert ist, wenn er es nicht tut. Da ist einfach eine gewisse gesellschaftliche Erwartung da. Und vielleicht ein mangelndes Verständnis dafür, dass Sashas Art zu kommunizieren einfach eine andere ist.

Trotzdem hat Sasha zum Glück Freunde und hat es trotzdem geschafft, ein soziales Leben zu entwickeln. Seine Freunde beschreiben aber auch, dass Sasha manchmal, wenn er überfordert ist, nach außen vielleicht so wirkt, als wäre er nicht erreichbar.

Leandra: Wie sollen dann andere Menschen in solchen Momenten reagieren oder damit umgehen?

Patricia: Sashas Freund Valentin beschreibt da auf BlindDate eine konkrete Situation, in der Sasha zwar nicht erreichbar wirkt, ihn aber eigentlich schon noch hört. Die Umgebungsreize werden Sasha allmählich zu viel und er ist ganz darauf konzentriert, sich selbst zu regulieren.

Was dann natürlich nichts bringt, ist, diese Reize noch zu verstärken. Also zum Beispiel, Sasha sehr nahe zu kommen oder laut auf ihn einzureden. Im schlimmsten Fall kann das sonst zu einem Meltdown führen.

Leandra: Du hast gerade „ein Meltdown“ gesagt. Was genau ist denn ein Meltdown?

Patricia: Also wenn Sasha überstimuliert ist und es nicht mehr schafft, sich selbst zu regulieren, dann kann er in den sogenannten Meltdown kommen. Er bekommt dann richtige Angstgefühle mit schnellem Puls, schnellem Atem und so weiter. Und wenn die Situation dann kippt, hat er sein Verhalten selbst nicht mehr unter Kontrolle.

Dann hilft man ihm am besten, indem man ihn an einen ruhigen Ort bringt. Ich finde es aber wichtig, einen Menschen in einem Meltdown nicht negativ zu bewerten. Er kann in diesem Moment tatsächlich einfach nichts für sein eigenes Verhalten.

Leandra: Wie können jetzt zum Beispiel Lehrende Veranstaltungen gestalten, damit Studierende wie Sasha besser teilnehmen können?

Patricia: Für Studierende wie Sasha auf dem Autismus-Spektrum ist es am angenehmsten, wenn es möglichst wenig Umgebungsreize gibt. Lehrende können in ihren Veranstaltungen zum Beispiel einfach die Fenster zumachen, um störende Geräusche von draußen auszusperren. Oder sie können darauf achten, dass das Mikro, das sie benutzen, nicht rauscht. Solche Dinge eben.

Generell, aber insbesondere dann, wenn er überreizt ist, ist es für Sasha schwierig, alle Informationen in einer Vorlesung aufzunehmen. Deshalb profitiert er davon, wenn er die Vorlesungsfolien zur Verfügung gestellt bekommt. Und das am liebsten schon im Vorfeld.

Was Sasha gar nicht mag, sind uneindeutige Arbeitsaufträge. Also wenn eine Aufgabenstellung irgendeinen Interpretationsspielraum hat. Ihm fehlt dann die, ich nenne es mal, soziale Intelligenz, um herauszulesen, was genau er jetzt tun soll.

Da können Lehrende ihm logischerweise helfen, indem sie eindeutige Aufgaben verfassen. Ansonsten wissen wir ja schon, dass soziale Interaktionen für Sasha nicht leicht sind. Er bearbeitet Aufgaben deshalb viel lieber alleine als in einer Gruppenarbeit, wenn seine Lehrenden ihm das erlauben.

Sonst fließt ein Großteil seiner Energie da rein, dieses soziale Miteinander zu meistern, und für die eigentliche inhaltliche Arbeit bleibt kaum etwas übrig.

Leandra: Jetzt haben wir viel über Hürden und Probleme geredet, aber vielleicht gibt es ja auch eine Perspektive oder eben eine Stärke von Menschen im Autismus-Spektrum. Und was wird da vielleicht auch im Hochschulkontext häufig unterschätzt? Das ist doch eine schöne Frage zum Abschluss.

Patricia: Ich habe ja schon geschildert, dass seine Liebe zum Detail Sasha manchmal echt Probleme bereiten kann, aber sie kann natürlich auch eine Stärke sein. Dasselbe gilt für sein rationales, analytisches Denken.

Das ist nicht zu verwechseln mit einer sogenannten Inselbegabung. Die ist ziemlich selten und eher ein Motiv aus Filmen und Serien. Aber Menschen auf dem Autismus-Spektrum arbeiten sich in einzelne Themen, die sie interessieren, oft extrem tief ein. Das kommt ihnen dann in einem selbstgewählten Studienfach natürlich zugute.

Leandra: Vielen Dank für die vielen Einblicke heute, liebe Patricia. Wir kommen auch schon zum Ende unserer heutigen Folge. Danke, dass du da warst.

Patricia: Sehr gerne, danke, dass ich da sein durfte.

Leandra: Genau. Und für alle Zuhörerinnen und Zuhörer: Ich habe natürlich SHUFFLE und BlindDate in der Podcast-Beschreibung verlinkt. Dort findet ihr alle Personas. Schaut euch das gerne mal an und bis zur nächsten Folge.


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Veröffentlicht am
24. September 2026
Schlagwörter
keine
Autor
Leandra Kraft
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